Künstlerisch-soziale Projekte

Kultur – ein selbstgesponnenes Bedeutungsgewebe?
(Clifford Geertz)

 

Als Kostümbildnerin und Kulturwissenschaftlerin haben mich zwei Dinge besonders inspiriert: Die unendlich vielfältige Gestaltung der „Zweiten Haut“ sowie menschliche Geschichten, die unter die Haut gehen. Kleidung und Textilien berühren uns tagtäglich. In vielen meiner Kurse – für Menschen mit und ohne Migrationsbiographie – arbeite ich mit textilen und künstlerischen Techniken. Kunst und Gestaltung können Experimentierfelder sein, um neue Handungsspielräume zu erfahren. Künstlerische Betätigung kommt mit wenig Worten aus und schafft Zugänge, die mit Worten vielleicht (noch) nicht möglich sind. In meine Arbeit fließen kunsttherapeutische Methoden aus der Psychotraumatologie ein, die einen stressreduzierenden und ressourcenstärkenden Ansatz verfolgt sowie Elemente aus der Konfliktbewältigung und kulturreflexiver Mediation. Meine Tätigkeitsfelder ergänzen und bereichern sich gegenseitig.

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Von der Verflechtung der Welt

Beziehungsgeflechte

Was eignet sich besser zum Verstehen von Kultur als Stoffe und Textilien? Unser gesamtes Leben sind wir umgeben von Textilien – wir trocknen uns ab mit Handtüchern, legen Teppiche auf den Boden, schlafen zwischen Bettlaken und überlegen uns jeden Morgen, was wir anziehen. Kleidung, unsere „zweite Haut“, verbindet und trennt uns gleichzeitig mit unserer Umwelt, sie schützt uns, verhüllt uns und gibt doch so viel von der Vorstellung preis, die wir uns von der Welt machen. Nicht nur Textilien, auch textile Metaphern umgeben uns: Wir verbinden Wörter mit Bedeutungen, wir verhaspeln und verzetteln uns, manchmal halten wir nur lose Fäden in der Hand oder es geht uns etwas gegen den Strich. Manchmal verlieren wir den Faden, oder unser Geduldsfaden reißt. Zudem verstricken wir uns in Beziehungsgeflechten und sagen am Ende: Ich glaube, ich spinne!

Lebensentwürfe gestalten

Ständig weben, stricken und wirken wir an unseren Lebensentwürfen, Beziehungen und an unseren Identitäten. Die Wörter Text undTextil gehen auf dieselbe Wurzel zurück, textere: weben, zusammenfügen. Wir schreiben unsere Lebensgeschichten und suchen nach dem roten Faden unserem Lebensentwurf: Dem Leben einen Sinn geben bedeutet, das eigene Handeln mit Werten und Weltanschauung bewusst zu verbinden.

Eingewebte Kosmologie

Das Wort Stoff kann textiles Material bedeuten, aber auch  „Stoff“  aus Mythen, Kosmologien und Literatur. In gewebten Textilien wird das Fadensystem zum Ordnungssystem, in denen sich Weltanschauungen spiegeln: Die langen Kettfäden verweisen auf Unendlichkeit und bilden eine Verbindung zum Kosmos. In diese Verbindungen webt der oder die Weber*in  mit den Schussfäden persönliche und künstlerische Motive, Strukturen und Muster ein. Die verfügbaren Materialien, ihre Qualität und Beschaffenheit, die Fertigkeit der Webenden und die technischen Voraussetzungen verweisen auf gesellschaftliche und individuelle Bedingungen, unter denen das Textil erschaffen wird.

Nähen schafft Nähe

In vielen Gesellschaften spielen textiles Handwerk, z.B. Nähen, Stricken, Sticken, Weben, eine große Rolle. In meinen Workshops kann ich daher oft an vorhandene Ressourcen der Teinehmer*innen anknüpfen. Mit den Händen etwas herstellen bedeutet Erlangen oder Vergrößern der eigenen Handlungsfähigkeit. Kleidung und Textilien eignen sich zudem besonders gut, um sich mit Fragen der Identität(en) auseinanderzusetzen.

Durch meine Arbeit mit Menschen aus verschiedenen Ländern und sozialen Gruppen wird mir immer stärker bewusst, wie sehr wir alle miteinander verbunden sind – sowohl durch unsere Menschlichkeit als auch durch (post-)koloniale Spuren, historische Prozesse, die bis heute andauern und wirken: die Verstricktheit der Welt.